Vor einigen Tagen traf ich auf unserem Hof eine Frau, die sich den Beginenhof einmal ansehen wollte. Zum Glück hatte ich ein paar Minuten Zeit, sodass wir ins Gespräch kommen konnten. Sie hatte unser Projekt schon in der Anfangszeit verfolgt und lebt heute mit ihrem Partner in einem anderen Wohnprojekt.
Im Laufe unseres Gesprächs wurde schnell deutlich, dass sie dort im Moment nicht ganz glücklich ist. Das konnte ich gut nachvollziehen. Schließlich hängt auch bei uns nicht immer der Himmel voller Geigen.
Warum ich trotzdem schon seit mehr als zehn Jahren auf dem Beginenhof lebe?
Weil hier das pralle Leben stattfindet. Das ist wunderbar – und manchmal auch anstrengend.
In unserer Gemeinschaft leben Frauen, denen ich außerhalb des Beginenhofs wahrscheinlich nie begegnet wäre. Natürlich wäre manches einfacher, wenn wir alle ähnliche Einstellungen und Ansichten hätten. Doch genau das ist nicht der Fall. Und das fordert mich immer wieder heraus.
Unterschiedlichkeit kann zunächst verunsichern. Manchmal entstehen daraus Missverständnisse oder sogar Ablehnung. Ich habe hier jedoch gelernt, dass es sich fast immer lohnt, neugierig zu bleiben und nach den Beweggründen der anderen zu fragen. Oft zeigt sich dann, dass eine Haltung oder Verhaltensweise gar nichts mit mir persönlich zu tun hat, sondern ihre ganz eigene Geschichte hat. Diese Erfahrung bezieht sich auf die vielen Unterschiede, die ein gemeinschaftliches Leben mit sich bringt – nicht auf die Grundwerte unseres Zusammenlebens. Menschenverachtende oder demokratiefeindliche Positionen überschreiten für mich eine klare Grenze. Und erstaunlicherweise entdeckt man bei allen anderen Unterschieden oft mehr Gemeinsamkeiten, als man zunächst vermutet hätte.
Für unser Zusammenleben hilft mir ein Satz, an dem ich mich immer wieder orientiere: „Sich gegenseitig Gutes zutrauen.“ Das fällt mir nicht in jeder Situation leicht. Aber ich habe einmal gehört, dass Sterne keine Ziele, sondern Wegweiser seien. Dieses Bild gefällt mir.
Daraus entsteht nicht immer eine Freundschaft. Aber gegenseitiger Respekt, Vertrauen, Verbundenheit und Weltoffenheit wachsen auf diese Weise fast von selbst. 😉
Ein Beitrag von St.G.